Donnerstag, 10. September 2015

Mein Leben als Minimalistin: eine Bilanz

Zunächst ging es um ganz banale Fragen: Wie kann ich als Übersetzerin effizienter arbeiten? Wie optimal Koffer packen, um unbeschwerter zu verreisen? Wie besser aufräumen und Ordnung schaffen, gerade auch im Zusammenleben mit Kindern?

Gestoßen – und das eher zufällig – bin ich auf eine Goldgrube von Lösungen, Anregungen sowie Antworten auf diese und auch andere Fragen: Der Lebensstil des Minimalismus hat mich im April 2014 in seinen Bann gezogen und seitdem nicht mehr losgelassen.

Erkenntnisse, Entscheidungen und Erfahrungen nach 1,5 Jahren Minimalismus:

Der Minimalismus befreit von physischem Ballast. Weil ich insgesamt wenig Zeit habe, trenne ich mich pro Tag von einem Gegenstand in meinem Eigentum. Ich nutze diese Methode eisern und ohne viel Federlesen. Ist ein Gegenstand nicht a) schön und/oder b) nützlich, wird er ausgesondert. Und verblüffend: Ich habe seither keinen einzigen meiner eliminierten Gegenstände benötigt oder gar vermisst! Es ist ein Trugschluss, dass ein gutes Leben nur führen kann, wer viele Dinge anhäuft.

"Wir begehren umso mehr, je mehr wir erhalten haben." (Seneca)

Der Minimalismus verhilft zu freier Zeit. Und er öffnet die Augen für das, was wirklich zählt im Leben. Denn im Minimalismus gilt: Sich statt um leblose Dinge und unnützen Krempel lieber um sich selbst zu kümmern oder in Erholungszeiten zu investieren. Nun ist es mir wichtiger als vorher, Zeit freizuschaufeln für Familie und Freunde. Statt aufzuräumen, zu relaxen. Statt zu putzen, freie Zeit anders zu nutzen. Statt nach verlegten Dingen zu suchen, sinnvollen Beschäftigungen nachzugehen.

Der Minimalismus polarisiert. Genau wie man Marmite in England entweder mag oder nicht mag und es kein „Zwischending“ gibt, so gilt auch für den Minimalismus: Entweder man mag ihn, oder man mag ihn nicht. Menschen, denen ich vom Minimalismus erzähle, sind entweder restlos davon begeistert. Oder ich stoße auf Unverständnis oder sogar heftigen Widerstand. Vor allem Menschen aus der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration sind nach meiner Erfahrung eingefleischte Nicht-Minimalisten, die besonders viel und besonders gern horten und sammeln.

Der Minimalismus schafft Klarheit im Leben. Er zwingt zu einer Antwort auf die Frage: Was möchte ich im Leben noch erreichen? Übrig bleiben bei einer minimalistischen Lebensführung nämlich nur die Gegenstände, die für die individuelle Lebensgestaltung nötig sind. Seitdem ich über Eigentumsreduzierung nachdenke, weiß ich zum Beispiel, dass ich aus England nicht mehr wegziehen möchte, weil England für mich mittlerweile mehr Heimat ist, als es Lenkersheim oder Erlangen vorher je gewesen sind. Deswegen ist es logisch, dass ich keine Dinge in Deutschland mehr aufbewahren muss nur für den Fall, dass ich eines Tages dorthin zurückziehen sollte.

Der Minimalismus verhilft zu freier Zeit.

Der Minimalismus macht Spaß. Ich hätte nie geglaubt, dass es so viel Freude machen würde, Dinge konsequent wegzuwerfen, zu verschenken oder zu digitalisieren. Berge aus Papier, Dokumenten und Zeitschriften einzuscannen, abzufotografieren und zu entsorgen. Wertvolle Erinnerungen aus den Tiefen von Schachteln und Schubladen zu Tage zu fördern, um sie systematisch und fortan leicht wiederauffindbar über Festplatten und Cloud-Speicher zu verteilen und in Form von Bits und Bytes für die Zukunft zu sichern.

Hier eine kleine Sammlung der schönsten Minimalismus-Zitate:

„Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche.“ (Sokrates, griechischer Philosoph, 479 v. Chr. – 399 v. Chr.)

„Sparsamkeit ist eine gute Einnahme.“ (Cicero, römischer Politiker und Philosoph, 106 v. Chr. – 43 v. Chr.)

„Geben ist seliger als Nehmen.“ (Apostelgeschichte 20,35; Paulus zitiert Jesus)

„Einfachheit ist das Resultat der Reife.“ (Friedrich Schiller, deutscher Dichter, 1759 – 1805)

„Weniger ist mehr.“ (Robert Browning, englischer Dichter, 1812 – 1889)

„Habe nichts in deinem Haus, von dem Du nicht glaubst, dass es nützlich oder schön ist.“ (William Morris, britischer Maler, Designer und Schriftsteller, 1834 – 1896)

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